Gedanken zu Pamphleten

Zwei selbstorganisierte Orte in Deutschland, die ‚Rote Flora‘ in Hamburg sowie das ‚OGH‘ in Berlin, ehemals ‚beiruth‘ dann ‚an der autobahn‘, haben innerhalb einer Woche in Bezugnahme auf den Krieg in Nahost ein Selbstverständnis veröffentlicht. An beiden Orten habe ich sehr, sehr viel Zeit verbracht, sie waren mir wichtig, kann ich sagen und sind es wohl offensichtlich noch. Die Statements könnten unterschiedlicher nicht sein, in Form wie Inhalt. In der Analyse und in ihrem Verhältnis zueinander lässt sich vielleicht Etwas abbilden: ein Müllsack oder ein Selfie oder der Gegenwärtige diskursive Zustand von DiY Spaces.

OGH beginnt mit dem Satz: ‚falls euch der ganze Text zu lang ist‘ (und er ist in der Tat sehr lang) ‚könnt ihr einfach bis zu unserem Manifest-Link am Ende vorspringen für ein leicht verständliches Statement.‘ Ok, das mach ich. Da steht: ‚OGH ist weder jetzt, noch war jemals und wird auch in der Zukunft kein Ort sein, der militaristische, imperialistische, nationalitische oder kolonialistische Ideen unterstützt. Punkt. Falls Ihr die Stiefel jedwedes militaristischen oder genozidalen Regimes lecken wollt, seid ihr hier falsch.‘

Dann folgt der Link zu einem anarchistischen? Manifest, das sich liest wie eine Steinschleuder zurück in die 80er Jahre.

Die Flora hält sich dagegen kurz und schreibt u.a.: ‚(…)die Rote Flora ist kein homogener Raum, sondern ein antiautoritärer, basisdemokratischer, pluralistischer Ort des Austausches.‘ Das Fazit aus benanntem Austausch: ‚Gegen jeden Antisemitismus, Rassismus und autoritäre Linke.‘

OGH wirft den Leuten also eine Menge Ideen vor die Füße, auf die ich und alle Leser:innen, das Publikum und v.a. die Veranstalter:innen im Einzelnen eingehen müssten, um der Forderung des OGH nachkommen zu können oder eben auch nicht, die da lautet: diese Begriffe sind abzulehnen!Falls das OGH diese komplexen Begriffe intern diskutiert und sich auf eine Deutung geeinigt hat, lässt sich ob mangelnder Transparenz im Statement nicht erkennen. Da ich den Raum mitgegründet habe, kann ich sagen, dass die 3 Menschen, die dort ein paar Jahre hauptsächlich tätig waren, anders, als vom OGH behauptet, diese Begriffe jedenfalls niemals geklärt haben – einfach, weil es dieses Vorhaben überhsaupt nicht gab. Wir haben da Haltung gezeigt in Form von Booking und im Alltag, Hinweisschilder jedweder Art fanden wir doof. Die Behauptung einer inhaltlichen ‚Tradition‘ oder eines Status Quo im Bezug auf ideologische Ideen in diesem Raum ist also schlicht unwahr.

OGH bespielt also jetzt im Gegensatz zu den ideenlosen Menschen nicht mit leeren Wänden und Offenheit den Raum, sondern in Abgrenzung von Begriffen.Ablehnende Haltung zu diesen wird zwar vorrausgesetzt, aber es wird weder erläutert noch verdeutlicht, was denn eigentlich das OGH unter ihnen versteht. Ihr Inhalt bleibt leer oder wird ignoriert, als wären sie letztlich bedeutungslos. Wäre da nicht der autoritäre Tonfall, der wortwörtlich ‚falsch‘ endet. Wo ‚falsch‘ ist, ist halt auch ein ‚Richtig‘, ein ‚Entweder/Oder‘, ein ‚Gut/Schlecht‘ und S/W. Dazwischen ist nichts. Oder nichts, was verhandelbar wäre.

Im Gegensatz möchte die Flora Austausch und ‚kritische Auseinandersetzung‘. Dabei zieht sie allerdings rote Linien, nämlich Antisemitismus, Rassismus und autoritäre Linke‘ – anders als das OGH schafft sie es aber diese ‚-ismen‘ trotz der Kürze des Textes zu definieren: Antisemitismus zeigt sich in der Delegitimierung von Kritik an der Hamas, und die ‚autoritären Linken‘ beschreiben sich in ihrer Aktion gegen die Flora selbst.
Nun ist das Statement des OGH wie gesagt sehr lang – allerdings besteht es zum größten Teil aus der Beschreibung von Zuschreibungen auf das Kollektiv OGH und der Abgrenzung von diesen sowie einer Menge Schlagworten wie ‚Befreiung, Unterdrückung, Solidarität‘. Was die im Einzelfall bedeuten sollen, bleibt offen.
Dialog wird im Text erwünscht, ausdrücklich jedoch nur mit Menschen, die nicht ‚falsch‘ denken oder sagen oder performen, also die Worthülsen des OGH nicht hinterfragen.
Wie dann Diskurs stattfinden soll – keine Ahnung. Oder noch härter formuliert: ist einfach unerwünscht.

Ich schreibe dies, weil ich das nicht nur schade und auch traurig finde, sondern weil ich denke:

Euer Statement, liebes OGH, ist eine Zumutung! Inakzeptabel! Autoritär! Anmassend! Find ich überhaupt nicht in Ordnung! Will ich nicht so stehen lassen. Dialog und Diskurs ist Alles, was wir haben, um die Welt in unseren Möglichkeiten besser zu machen. Pamphlete und Schlagworte können dabei höchstens Impulse bieten. Aber Dialog muss man ausprobieren und leben und aushalten und nicht gleich die Tür zumachen, wenn es ein bisschen kompliziert wird. Die Welt ist halt ebenfalls kompliziert, man kann aber trotzdem Spass in und an ihr haben.
Itty sagt OI Veh!

https://www.rote-flora.de/2024/statement-des-plenums-der-roten-flora-vom-15-05-2024

https://t.me/musikstattautobahn

English version: on manifestations

Two self-organized spaces in Germany, the ‚Rote Flora‘ in Hamburg and the ‚OGH‘ in Berlin, formerly ‚Beiruth‘ then ‚an der autobahn‘, published statements within a week, referencing to the war in the Middle East.

I spent a lot of time in both places. They were important to me, I can say, and obviously still are. The statements couldn’t be more different, both in form and content. But something can perhaps be spotted in the analysis of both and in their relationship to one another: a garbage bag perhaps or a selfie or the current discursive state of DiY spaces.

OGH begins with the sentence: ‚if the whole text is too long for you‘ (and it is indeed very long) ‚you can simply skip ahead to our manifesto link at the end for an easy-to-understand statement.‘ OK, I am going to do that. It says: ‚OGH is not now, has never been, nor will ever be a space that supports militaristic, imperialist, nationalist, or colonialist ideas. Full Stop.(…)If you want to lick the boots of any militaristic genocidal regime then we are not the space for you.‘

Then follows the link to an anarchist? Manifesto that reads like a slingshot back to the 80s.

Flora, on the other hand, keeps it short and writes, among other things: ‚(…) the Rote Flora is not a homogeneous space, but an anti-authoritarian, grassroots democratic, pluralistic place of exchange.‘ The conclusion from the exchange mentioned: ‚Against all anti-Semitism, racism and authoritarian leftism.‘

So OGH throws a lot of ideas at people’s feet, which I and all readers, the audience and especially the organizers would have to address in detail in order to be able to comply with the OGH’s demand or not, which reads: these terms are to be rejected! If the OGH has discussed these complex terms internally and agreed on an interpretation, this discussen nevertheless does not transform into the public. Since I co-founded the space, I can state that, contrary to what the OGH claims, the three people who mainly worked there for a few years never clarified these terms – simply because there was never an undertaking to do so. We hopefully showed attitude in the form of booking and in everyday life, we regarded the usual ‚do this don’t do that‘ refeferences of all kinds unproductive. The claim of a substential ‚tradition‘ or a status quo in relation to ideological ideas in this space is thus simply untrue.

In contrast to the people ’sans ideas‘, OGH does not now play the room with empty walls and openness, but rather by rolling out demarcation lines. A negative attitude towards these is assumed, but it is neither explained nor made clear how and what OGH actually understands by them. Their content remains empty or ignored as if they were ultimately meaningless. If it weren’t for the authoritarian tone that literally ends in ‚wrong‘. Where there is ‚wrong‘, there is also a ‚right‘, an ‚either/or‘, a ‚good/bad‘ and b/w. There is nothing in between. Or nothing that is negotiable anyways.

In contrast, Flora wants exchange and ‚critical discussion‘. However, it draws red lines, namely anti-Semitism, racism and authoritarian leftism – but unlike the OGH, it manages to define these ‚-isms‘ despite the brevity of the text: Anti-Semitism is evident in the delegitimization of criticism of Hamas, and the ‚authoritarian left‘ describes themselves in their action against the flora.

Now, as I said, the statement from the OGH is very long – however, it largely consists of the description of attributions being made towards the OGH collective in the past and the differentiation from them as well as consisting in lot of keywords such as ‚liberation, oppression, solidarity‘. What each means individually remains unclear.

Dialogue is desired or asked for in the text, but expressly only with people who do not think, say or perform ‚wrongly‘, i.e. do not question the OGH’s empty phrases.

How discourse is supposed to take place – I have no idea. Or to put it even harsher: it is obviously not desired by the authors.

I’m writing because I not think it’s really a shame and also sad, but also because I believe:

Your statement, dear OGH, is an imposition! Unacceptable! Authoritarian! Presumptuous! I don’t think it is okay at all! I do not want to leave it like that.

Dialogue and discourse is everything we have to make the world a better place to the best of our ability. Pamphlets and slogans can only provide impulses. But you have to try out dialogue and live it and endure it and not immediately close the door when it gets a little complicated. The world is also complicated, but you can still have fun in and with it.

Itty says OI Veh!